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Radio Palmwine

  Die vergessene Zeit

  Der Regen prasselt unaufhörlich auf das aus Raffiapalme geflochtene Dach. Kein Tropfen dringt nach innen und das nach unten laufende Wasser tropft außen beruhigend auf den roten Boden. In der Lehmhütte, die von einem Zaun aus meterhohen Yukapalmen umgeben ist, müssen sich die Augen erst an die Dunkelheit gewöhnen. Beißender Qualm geht von dem offenen Herdfeuer aus. Der Regen drückt den Rauch im Kamin nach unten und dieser brennt erbärmlich in den Augen. Erst als wir uns die Tränen aus den Augen gewischt haben, erkennen wir zwei ältere Leute, die sich von den Bambusbetten erheben. Eine Leine quer über den kleinen Raum gespannt, dient als Kleiderschrank, denn dort hängen afrikanische Stoffe, sowie einige Hosen, Hemden und Blusen. In der Küchenecke neben dem Herdfeuer erkennt man einige Aluminiumtöpfe, auf dem Dreibein über dem Feuer einen Kessel mit Wasser, im Kamin hängen getrocknete Maiskolben und Okraschoten im Rauch.

Unser Weg aus der Gegenwart in die Vergangenheit war nicht weit. Nur 50 Meter hatten wir zurückgelegt und wir standen plötzlich in einer Hütte, die vor ein paar hundert Jahren genau so ausgesehen hätte wie diese hier, nur die Töpfe mögen damals aus Ton gewesen sein. Die beiden alten, abgearbeiteten Bewohner erschienen in dieser Umgebung noch älter als sie bestimmt waren. Als wir durch den schmalen Eingang, der mit einem Vorhang versehen war, eintraten, schien die Zeit abrupt stehen zu bleiben, sie fiel gewissermaßen mit dem Vorhang hinter uns ab.

Die Begrüßung fiel herzlich aus, doch diesmal fehlte sogar die bei den Igbos obligatorische Colanuss oder die Bittercola. Die beiden Alten waren so arm, dass selbst diese Geste scheinbar nicht mehr möglich war. Doch die Frau kramte in einer Ecke eine handvoll geröstete Erdnüsse hervor, die sie uns mit drei kleinen Bananen entgegen hielt. Sicher hatte sie diese auf dem kleinen Markt verkaufen wollen, nun waren sie unser Gastgeschenk. Queen - meine Frau und die Gastgeberin unterhielten sich lebhaft, während wir Männer schweigend auf den Bambusbetten saßen. Ich kaute verlegen auf den Erdnüssen und hing meinen Gedanken nach. Kein Fernseher, kein Radio, nur die Frauenstimmen und der gleichmäßige Regen, der irgendwie einschläfernd wirkte. Schmunzelnd musste ich an den Vergleich der Afrikaner denken: "Wir haben die Zeit und ihr Europäer die Uhr". Hier spielte auf jeden Fall die Uhr keine Rolle und der alte Mann schien irgendwie meine Gedanken zu erraten, denn plötzlich meinte er: Als Gott durch unser schönes Land ging, war er von dem, was er geschaffen hatte so begeistert, dass er die Zeit stillstehen ließ, um dies alles in Ruhe zu genießen. Doch viele der Menschen sahen weder Gott, noch merkten sie, dass die Zeit stillstand und als Gott weiterzog, ließ er die Moskitos als Bestrafung zurück. Diese übertragen nun die Malaria und viele Menschen sterben daran und sie werden somit an die Geschichte erinnert, als Gott die Zeit anhielt und unsere Vorfahren dies nicht erkannten. Doch nicht nur durch die Moskitos werden die Menschen bestraft, sondern auch durch die Uhr, die ihnen dauernd vor Augen hält, wie schnell die Zeit verrinnt. Doch in manchen Hütten im Igbo-Land steht auch heute noch die Zeit still.

Als der alte Mann endet, bin ich plötzlich froh über den beißenden Qualm, der wenigstens die Moskitos fernhält, während uns die Zeit sicher bald wieder eingeholt haben wird.


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