Die zweite Geschichte begann eigentlich in Frankfurt. Queen hatte dort von einer Igbo-Frau erfahren, dass eine Evangelistin "Chika" noch weitaus berühmter für ihre geistige Arbeit sei und ihr persönlich auch schon geholfen hatte. Letztes Jahr machte sich also Queen wieder auf den Weg nach Onitcha und wieder waren Chide und Mary in ihrem Schlepptau. Nach der Rückkehr überraschte sie uns mit der Ankündigung, dass "Chika" die 150 km bis in unser Dorf kommen würde um die ganze Familie und das ganze Anwesen zu reinigen, da dort etwas nicht stimmen würde. Da mir die ganze Angelegenheit nicht geheuer erschien, ließ ich mir vorsichtshalber 30 Schrotpatronen für die neue Jagdflinte besorgen. Dann kam der große Tag, zwei uralte Peugeot 505 fuhren am Spätnachmittag in den Hof ein. Drei Männer und zwei Frauen entstiegen den Autos, die jüngste, eine dicke Frau Mitte zwanzig mit einem sehr hübschen Gesicht war "Chika". Ich ging ins Haus der Eltern und begrüßte sie und sie lachte mich an. Ich sollte keine Angst haben, schließlich wollte man ja keinen Überfall starten. Ihre vorne leicht offenen Zähne gaben ihr zwar ein sehr sympathisches Aussehen, doch ich konnte mein Misstrauen nicht überwinden. Queen hatte alle erreichbaren Geschwister zu dieser Sitzung beordert, während ich mir den Kofferraum der zwei Autos zeigen ließ. Die drei Männer bewachten dort Holz, Wasser, Salz, zwei Ziegen und eine große verbeulte Posaune. Als es dunkel wurde, entfachten die Männer mit dem mitgebrachten Holz ein großes Feuer. Ich holte mir währenddessen die Schrotflinte und zwanzig Schuss Munition aus dem Haus und setzte mich demonstrativ mitten in den Hof auf eine Mauer. Zwei Neffen meiner Queen, beide so um die Zwanzig, leisteten mir Gesellschaft. Sie hockten etwas ängstlich in meiner Nähe, doch die Neugierde war größer als ihre Angst, während alle anderen Kinder spurlos verschwunden waren. Wir ließen alle drei das Feuer nicht aus den Augen und die drei Männer und zwei Frauen hatten inzwischen rote Gewänder angelegt. Nach einer Zeremonie am Feuer mussten die einzelnen Geschwister mit einer der Ziegen und einem roten Helfer den ganzen Hof und die dort befindlichen Häuser umrunden. Immer wieder erschallte dabei die Posaune mit einem so grässlichen Ton, der einem das Blut in den Adern gefrieren ließ. Außerdem erklang öfters eine größere Glocke. Mir kamen irgendwie die Posaunen von Jericho in den Sinn, ob die sich auch so schrecklich angehört hatten? Bei den angrenzenden Nachbarn war kein Ton zu vernehmen, scheinbar hatten sich alle unter ihren Betten verkrochen, als die Posaune ertönte. Dann wurde von "Chika" das mitgebrachte heilige Wasser und das Salz im gesamten Hof verstreut und die beiden Ziegen am Feuer geopfert. Ich saß mit dem geladenen Gewehr die ganze Zeit im Hof und kam mir langsam albern vor, also holte ich die Videokamera aus dem Haus um die ganze Zeremonie heimlich auf Band festzuhalten. Ich versuchte dies von einer Stelle, die man vom Feuer nicht so leicht einsehen konnte und um das rote Licht bei Aufnahme zu verbergen. Cika hatte besonders vor einem der Häuser lange zu tun. Queen erzählte mir später, dass sie dort eine Frau in einem Hochzeitskleid gesehen hätte. Es war die erste Frau meines Schwagers, die vor mehreren Jahren plötzlich gestorben war. Sie war genau an dieser Stelle beerdigt worden, doch der Boden war glatt und keiner ahnte diesen Ort. Chika konnte es also auch nicht wissen, sie sagte jedoch, dass sich der Geist der Frau noch nicht von dieser Welt getrennt hätte und sie daher für jeden unsichtbar vor der Tür ihres Hauses gesessen habe. Chika hatte ihr jetzt geholfen durch die Tür in ein anderes Leben zu gehen. Jetzt hatte ich auch eine Erklärung für die unwahrscheinliche Angst von Luky, der zweiten Frau meines Schwagers. Öfters hatte ich sie im Wohnzimmer auf dem Boden liegend angetroffen, mit dem Rosenkranz in der Hand, den sie fest umklammerte. Irgendwie hatte sie scheinbar den Geist der anderen Frau gespürt. Die Beschwörungen am Feuer gingen die ganze Nacht und immer wieder ertönte die Posaune. Gegen Morgen loderte das Feuer noch einmal groß auf und die Funken stiegen in den Himmel, dann bestiegen die drei Männer und die zwei Frauen ihre Autos und fuhren aus dem Hof. Als ich mir vier Wochen später in Deutschland das Video von dieser Nacht ansehen wollte, um es auch unseren Kindern zu zeigen, machte ich eine erstaunliche Entdeckung. Das Band enthielt an dieser Stelle nur Flimmern, kein einziges Bild und keinen einzigen Ton. Ein Stück weiter waren dann andere Aufnahmen wieder ganz normal vorhanden. |