9009_userid_237.jpg
Neu im Nigeria-Forum

Radio Palmwine

Feuerwerk

   Farmer brechen in betriebsame Hektik aus, denn die Felder müssen schnellstens für die Pflanzzeit vorbereitet werden. Die teilweise mehrere Jahre brachliegenden Stücke werden durch gezielte Brandrodung von Unkraut und Gebüsch gesäubert. Die Asche dient gleichzeitig als Dünger. Längere Stangen und Triebe werden von Laub und Ästen befreit, zu großen Bündeln zusammengeschnürt und auf dem Kopf nach Hause getragen. Sie werden dann später als Rankhilfe beim Jamanbau verwendet.

Jeden Tag scheint die Hitze zuzunehmen. Die Sonne sticht vom Himmel, Bäume und Büsche sind mit rostrotem Staub übersät, dass Laub hängt traurig herab, nach Wasser lechzend. Jeden Abend nimmt das Wetterleuchten an Intensität zu. Die Wolkenberge türmen sich immer gewaltiger auf und schieben sich langsam näher. Die Blitze laufen über die gesamte Breite des Horizontes, fernes Grollen ist jetzt ab und zu vernehmbar. Noch ist es nicht so weit, obwohl die gesamte Natur und die Menschen erwartungsvoll dem ersten Regen entgegen sehen. Am Morgen taucht dann die aufgehende Sonne die Hütten und Häuser mit ihren verrosteten Wellblechdächern und die vertrocknete Landschaft in eine rostrote staubüberladene Ärmlichkeit die einen erschrecken lässt. Wieder ist es ein unwahrscheinlich heißer Tag, der am Nachmittag an Schwüle zunimmt und kaum zu ertragen ist. Die Hitze scheint den Sauerstoff aufzufressen, denn das Atmen fällt schwer und der Schweiß rinnt in Strömen. Die Wolken ziehen diesmal schon etwas früher auf und kommen bedrohlich näher. Das Grollen der Gewitterfront ist deutlich zu vernehmen und die Blitze nehmen weiter an Intensität zu.

Doch auch diese Nacht bringt nicht den erwarteten Regen. Der Imo-River steht wie eine Wand zwischen dem Regen und der Dürre. Die Wolken scheinen den kleinen Fluss nicht überspringen zu können. Die Wolkenheerscharen wachsen unüberwindlich in den Himmel, doch die Verteidiger auf dieser Seite des Flusses, die aufsteigende Hitze, hält noch den Angriffen stand. Es dauert mehrere Nächte, in denen sich dieses Schauspiel wiederholt, die Blitze zucken immer öfters und der Donner wird immer agressiver.

An einem der nächsten Tage beginnt der Angriff des Donnergottes schon am Spätnachmittag. Er scheint sich eine neue Taktik ausgedacht zu haben und schickt seine Wolkentruppen schon früher in das Gefecht. Mit dem Überraschungsangriff hat er endlich Erfolg. Die Wolken schieben sich mit Sturmgewalt über den Imo, die Palmen biegen sich in den Orkanböen, die Wellblechdächer ächzen und klappern, riesige Staubwolken fegen über das Land. Das Tageslicht geht in eine grau-schwarze Dunkelheit über und zwischen den Häusern des Dorfes bilden sich riesige Wirbel, in denen der Unrat der Trockenzeit tanzt. Es sieht aus, als stürmen die Verteidiger in kopfloser Flucht davon, alles mit sich reißend, was sich ihnen in den Weg stellt. Die ersten dicken Regentropfen wirbeln Staubfontänen auf sobald sie auf die Erde treffen, doch dann brechen die Wassermassen mit einer ungeheuren Wucht auf das ausgedörrte Land und die Häuser. Ein Trommelfeuer geht auf den Wellblechdächern nieder, der Sturm zerrt an Türen und Fenstern, Blitz und Donner reihen sich endlos aneinander. Die großen Palmen mit ihren Wedelköpfen biegen sich fast bis zur Erde, so als wollten sie sich vor dem Donnergott verneigen.

Nach dem Abflauen des ersten Regens dringt eine angenehme Kühle in das Haus und die Nacht bringt nach langen heißen Wochen endlich einen gesunden Schlaf. Am nächsten Morgen dampft die Erde, zwischen den Palmen steht der Dunst der Feuchtigkeit, ein Aufatmen geht von der Natur aus, die spürbar ist und sich in einer Fröhlichkeit der Menschen fortsetzt. Jeder ist glücklich, dass der erste Regen gefallen ist und jeden Abend kommen jetzt Gewitter auf, die immer stärker werden und fast die ganze Nacht anhalten. Blitz reiht sich an Blitz, der Donner steigert sich zu einem ständigen Grollen, eine unwirkliche Helligkeit liegt ständig über dem Land. Das Generatorlicht flackert öfters bläulich, wenn ein Blitz in der Nähe einschlägt. Ein Brand hat bei dem strömenden Regen sicher kaum eine Chance, doch ein ungutes Gefühl bleibt. An Schlaf ist bei dem Toben der Naturgewalten nicht zu denken und nachdem der Generator abgestellt ist, bleibt nur die Petroleumlampe oder die Kerze in deren Schein die Frauen leise ihre Gebete murmeln. Um das Haus tobt das Unwetter, so als wollte es alles Schlechte das sich in Trockenzeit angesammelt hatte, mit Gewalt hinfort spülen. In diesen Augenblicken wird einem die Hilflosigkeit voll bewusst, wenn wir Menschen der ungeheuren Wucht der Natur ausgeliefert sind. Der Übergang von der Trocken- zur Regenzeit ist ein überwältigendes Naturschauspiel mit nächtelangem "Feuerwerk".

Wenn die ersten Gewitterfronten vorbeigezogen sind, hört man die aufkommenden Stimmen der Erdkröten. Die handtellergroßen brauen Gesellen verlassen jetzt ihre Verstecke und stimmen in den sich bildenden Wassertümpeln jede Nacht ein ohrenbetäubendes Konzert an. Zikaden und anderes Nachtgetier mischen sich ein, kleine Glühwürmchen blinken im sprießenden Gras und die "Königin der Nacht" öffnet ihre länglichen weißen Blüten zu einem sinnesbetäubenden Duft. In der Ferne bewegen sich Lichter zwischen den Palmen, springen und  tanzen, kleine Kobolde die langsam näher kommen. Man hört Kinderstimmen und Kinderlachen und vielleicht zwanzig Kinder mit Petroleumlampen suchen zwischen den Palmen nach großen Schnecken, die nach den ersten Regenfällen auftauchen. Das Gehäuse einer ausgewachsenen Schnecke erreicht eine geballte Männerfaust. Auf den Märkten werden sie dann von den Kindern als sogenanntes "Congo Meat" verkauft. Jede Nacht bringt neue Überraschungen und die Natur entfaltet innerhalb kürzester Zeit ihre ganze Pracht und die trostlose Landschaft verwandelt sich in einen sprießenden blühenden Palmengarten, in dem die ärmlichen Hütten kaum noch auszumachen sind.


© 2004-2007 by Ogo Onyeocha - Team: Anna & Chief | "Die brennende Palme" Release 2.8.1 Beta