Ein Schwager lebte einige Zeit in Ife und so besuchten wir ihn mit unseren damals noch kleineren Kindern. Wir verbrachten einige Tage bei ihm und seiner Frau, um bei dieser Gelegenheit die Stadt Ife und Umgebung näher kennen zu lernen. Nach vielen neuen Eindrücken wollten wir wieder Richtung Ostnigeria. Da wir damals keinen eigenen Wagen zur Verfügung hatten, zwängten wir uns alle in seinen Peugeot 305. Vier Erwachsene und vier Kinder, das Auto war so voll, dass ich erhebliche Bedenken hatte. Doch in Nigeria fährt man auch mit einem überfüllten Auto und irgendwelche Bedenken lässt man erst gar nicht aufkommen und die Schutzengel und der liebe Gott fahren ja auch mit. Die Fahrzeit betrug normalerweise zirka vier Stunden, doch an diesem Tag war nichts normal. Es goss in Strömen als wir uns gegen Mittag in Bewegung setzten. Mein Schwager hatte noch in der Nacht versucht das Auto aufzutanken, doch es war ihm nicht gelungen. In ganz Ife gab es wieder kein Benzin. Mit sehr knapper Tankfüllung und der Hoffnung baldmöglichst eine Tankstelle mit Benzin zu finden, wagten wir uns auf den Weg. Die bergige Landschaft bot an sonnigen Tagen einen reizvollen Anblick, doch an diesem Regentag wirkte alles trostlos. Das Wasser schoss an manchen Stellen von den Berghängen und überflutete die Straße. Wir kamen mit dem überfüllten Wagen nur langsam voran, zumal uns die entgegenkommenden Fahrzeuge mit zusätzlichen Wassermassen eindeckten. Keiner hatte hier scheinbar jemals etwas von Aquaplaning oder langsam fahren gehört. Nachdem wir schon 5 Tankstellen passiert hatten an denen das Schild "NO FUEL" prangte, sahen wir endlich eine Minitankstelle an der einige Autos betankt wurden. Erleichtert reihten wir uns ein, da in unserem Wagen die Benzinanzeige schon langsam auf rot geklettert war. Wir erreichten die "nigerianische Autobahn" Lagos - Onitcha mit erheblicher Verspätung und die Autobahn brachte uns auch nicht schneller vorwärts, da auf der Gegenfahrbahn etliche Lkw bei dem Regen verunglückt waren und uns der Verkehr auf unserer Seite entgegen kam. So war an ein Überholen überhaupt nicht zu denken. Nach zwei weiteren Stunden erreichten wir endlich die Brücke über den Niger. Hier begann nun endgültig das Chaos. Die Brücke, die man normal in jeder Richtung zweispurig befahren konnte, war total mit Lkw und Pkw verkeilt, da jeder versucht hatte die kleinste Lücke für sich zu nutzen. Mehrere entnervte Polizisten und Soldaten schlugen teilweise mit den Gewehrkolben auf die Autos ein, um die Fahrer zu einer vernünftigen Fahrweise zu bringen. Nach einer weiteren Stunde hatten wir endlich die Brücke passiert, doch jetzt begann erst "Onitcha". Hier treffen aus allen Gebieten die Überlandstraßen zusammen und schon an "normalen Tagen" ist diese Stadt chaotisch, doch diesmal war es der absolute Wahnsinn. Die riesigen Märkte links und rechts der Straße versanken im Schlamm und jedes Auto versuchte sich Zentimeter für Zentimeter durch die braune Brühe und die Menschenmassen vorwärts zu schieben. Die Dunkelheit brach langsam herein und nach zwei weiteren Stunden war endlich der Stadtrand von Onitcha in Sicht. Der Regen hatte noch immer nicht nachgelassen und die riesige Blechlawine bewegte sich im Schneckentempo Richtung Osten. An einer starken Steigung lagen plötzlich zwei riesige LKW fest und der gesamte Verkehr kam zum Erliegen. Mehrere Buschtaxis verließen die Straße und bogen in einen Feldweg ein. Da wir annahmen, dass sich die Fahrer hier auskannten, klemmten wir uns mit unserem vollen Auto hinter sie. Es ging stark bergauf und die Räder drehten im Schlamm immer wieder durch. Nach einigen Kilometern fand ich die Idee den Buschtaxis zu folgen gar nicht mehr so gut, da der Weg immer schlechter wurde und unser Wagen oft auf dem unebenen Boden aufsetzte. Auf der rechten Seite waren Teile des Weges abgebrochen und in einen Sturzbach abgesackt. Im Scheinwerferlicht sahen die Stellen sehr frisch aus und ich rückte unwillkürlich nach links, obwohl dies sinnlos war. Die Frauen fingen an zu beten und auch ich schickte ein stilles Stoßgebet gen Himmel. Endlich erreichten wir auf dem Berggipfel wieder die Straße und reihten uns in die unendliche Autoschlange ein. Hinter einer Ortschaft versuchten plötzlich vor uns einige Busse und Autos auf der überfüllten Straße zu wenden und viele Stimmen erhoben sich zu dem Ruf "NO ROAD". Ein untrügliches Zeichen dafür, dass irgendwo Straßenräuber die Autos überfielen. Auch wir versuchten sofort unser Auto zu wenden. Doch in der ausbrechenden Hektik und Panik war dies nicht so einfach und unsere Frauen verfielen wieder in das gleichförmige Murmeln der Gebete. In der Ortschaft die wir gerade in der anderen Richtung passiert hatten, verließen wir die Straße um uns nach einer Kirche oder dem Pfarrhaus umzusehen. Der ganze Ort lag in dunkeln und es war nicht zu ersehen, wo diese Kirche wohl sein könnte. Wir entdeckten dann endlich ein einsames Licht. Als wir näher kamen, sahen wir das es ein kleines Hospital war. Nach langem klopfen öffnete eine Krankenschwester das Tor und wir konnten ihr die Geschichte unserer Strandung erzählen. Nachdem sie einer Kollegin bescheid gesagt hatte, begleitete sie uns zum Pfarrhaus. Nach mehrmaligem Rufen schlug im Innenbereich ein Hund an und nach kurzer Zeit wurden wir durch die geschlossene Tür nach unserem Wunsch befragt. Der Priester war erst an diesem Abend nach längerer Zeit von einer Tagung nach Hause zurückgekehrt. Wir hatten also unwahrscheinliches Glück gehabt oder die Gebete unserer Frauen waren erhört worden. Der Priester suchte im ganzen Haus die Matratzen zusammen und es wurde damit ein Raum für die Nacht präpariert. Wir schliefen nach den Aufregungen des Tages todmüde ein und selbst der nackte Fußboden wäre uns willkommen gewesen. Am nächsten Morgen hatte der Priester schon das halbe Dorf benachrichtigt und für ein ausgiebiges Frühstück gesorgt. Es war einer der glücklichsten Momente nach den Schrecken des vergangenen Tages. Wir wurden mit einer Herzlichkeit bewirtet, die kaum zu fassen war. Nachdem wir uns für diese tolle Gastfreundschaft bedankt und noch einige Erinnerungsfotos geschossen hatten, machten wir uns auf die Weiterfahrt. Als wir gegen Mittag in unserem Dorf anlangten, kamen uns alle entgegen, denn sie hatten schon das Schlimmste befürchtet. Ich erhielt dann nach mehreren Jahren einen Brief aus Rom, in dem sich der örtliche Priester für die Bilder bedankte, die wir bei unserem Abschied geschossen und die ich ihm zugesandt hatte. |