Wieder machen wir uns mit unseren drei Kindern ganz früh auf den Weg um ein neues Gebiet im Igbo-Land zu erkunden. Dieses mal war "Je-Je" dabei, ein entfernter Verwandter von meiner Queen. Er hatte schon oft von diesem Ort erzählt und endlich hatten wir es geschafft mit ihm zusammen eine Reise in seine Vergangenheit anzutreten. Der Ausflug sollte eigentlich nur einen Tag dauern, doch Queen hatte das Auto so voll geladen, als würden wir 3 Wochen unterwegs sein. Mit Mühe und Not konnte ich gerade noch meine zwei Angeln unterbringen. Queen und die drei Kinder nahmen hinten Platz, vorne saßen wir zwei Männer. Nachdem ein Gebet gesprochen war, setzte sich der alte Peugeot 505 ächzend in Bewegung. Die halbe Familie stand im Hof und verabschiedete uns winkend, so als würden wir für immer entschwinden. Queen hatte wohl doch die Federung des Peugeot überschätzt, denn bereits an der Hofausfahrt setzte er anständig auf den Boden auf. Mit Vollgas und laut kratzenden Geräuschen schaffte Je-Je schließlich dieses Hindernis. Auf der Hauptstraße, die eigentlich gar keine mehr ist, weil sich hier Schlagloch an Schlagloch reiht, schleppte uns der Peugeot immer wieder aufsetzend Richtung Owerri. Überall winken die Menschen freundlich und rufen Ogom (Schwager), denn seit meiner Heirat mit Queen war ich der Schwager des ganzen Dorfes geworden. Kinder die mich nicht kannten, ließen ihr Onyeocha (Weißer) erklingen und ich erwidere mit Onyeoji (Schwarzer), was dann immer zu großem Gelächter führt. Endlich erreichen wir die bessere Strasse zwischen Umuahia und Owerri und die Fahrt geht jetzt etwas flotter voran. Je-Je muss jedoch höllisch aufpassen, denn auf der schmalen Landstrasse kommen uns immer wieder Busse, Buschtaxis und Lkw mit endlosem Hupen und einem Affenzahn entgegen, so als wollten sie alles nieder walzen. Die Strasse ist durch das viele Wasser in der Regenzeit an vielen Stellen unterspült und der Belag ist dort durch die Belastung einfach weggebrochen. An diesen Stellen ist die Strasse noch enger und die bis zu einem Meter tiefen Bruchstellen sind besonders in der Dunkelheit ein großer Gefahrenbereich. Immer wieder beweisen dieses auf dem Kopf liegende und ausgebrannte Autos. Vorsichtshalber spreche auch ich noch schnell ein stilles Gebet, als Je-Je mehrmals diesen Bruchstellen sehr nahe kommt. Man sagt zwar "wenn Engel reisen, herrscht schönes Wetter", es ist schönes Wetter, wir sind scheinbar Engel, doch ich traue dem Braten nicht, denn in der Trockenzeit ist hier immer schönes Wetter und selbst Engel können in Nigeria sterben. Nach einer Stunde kommen wir in das Verkehrsgewühl von Owerri. Alle scheinen hier auf uns gewartet zu haben, um jetzt mit ihren Auto- und Motorradhupen über uns herzufallen. Ein ohrenbetäubender Krach begleitet uns im "go-slow" durch die Stadt. Wir sitzen nach Sauerstoff ringend im Auto, die vor uns fahrenden Schrottkisten nebeln uns ständig mit dicken Abgaswolken ein. Würden wir die Fenster schließen, besteht akute Hitzschlaggefahr. Schweißgebadet hängen wir in der Polsterung, die Kinder fangen an zu weinen und bei mir stellen sich durch die Abgase bedingte Kopfschmerzen ein. Ich bereue schon zutiefst die Fahrt angetreten zu haben, als wir nach einer endlos erscheinenden Zeit zum Stadtrand von Owerri kommen. Die Fahrt Richtung Onitcha geht jetzt etwas schneller voran, zumal Je-Je versucht die verlorene Zeit durch ein flottes Tempo auszugleichen. Doch schon nach der nächsten Kurve wird dies bestraft. Der vollbeladene Wagen rauscht mit 80 Sachen in ein Schotter- und Kiesbett Die Strasse ist auf zwanzig Meter einfach nicht mehr vorhanden. Je-Je versucht noch verzweifelt den Wagen zum Stehen zu bringen, doch es hatte nicht mehr gereicht. Gott sei Dank hatte sich der schlingernde Peugeot nicht überschlagen. Wir Erwachsenen saßen mucksmäuschenstill im Auto, Je-Je und Queen sahen unter ihrer schwarzen Haut recht grau aus und auch mich schauten sie an, als hätten sie einen Geist gesehen. Nur die Kinder schienen die Schotterfahrt recht witzig gefunden zu haben, denn sie quietschten vor Vergnügen. Nachdem Je-Je kurz unter den Wagen geschaut hat, setzen wir unsere Fahrt etwas vorsichtiger fort. Nach cirka 30 km biegen wir links ab und erreichen nach weiteren 10 km einen großen See, den "Oguta Lake". Auf einer Anhöhe liegt eine heruntergekommene Hotelanlage, davor ein Golfplatz, der mal einer war und wo jetzt friedlich einige Ziegen weiden. Auf einer Landzunge, herrlich über dem See gelegen, ein kleines Restaurant genau so schäbig, aber scheinbar wenigstens bewirtschaftet, denn im Schatten einer einsamen Palme plaudern zwei rundliche Igbo-Frauen. Die Hotelanlage sei schon lange geschlossen, erzählen uns die Frauen, doch bei ihnen könnten wir Getränke und auch Essen bekommen. Queen war der kleine Unfall auf die Blase geschlagen und sie versucht die Toilette zu erreichen, ein Dingohund rennt warnend kläffend hinter ihr her, doch sie hat es sehr eilig. Die Tür ist kaum zugeschlagen, kommt sie genau so blass wie nach dem Unfall, wieder herausgesaust. Die gefüllte Toilette, ein Schwarm schwarzer Fliegen und große Kakerlaken hatten sie sofort wieder die Flucht ergreifen lassen. Der Dingohund bellt immer noch warnend, nur schade das Queen seine Sprache nicht verstanden hatte. Sie greift sich sofort die beiden in der Sonne dösenden Frauen und staucht sie wegen dieses Dreckloches anständig zusammen. Als diese aus ihrer Lethargie erwachen, entwickelt sich eine lautstarke Auseinandersetzung zwischen den Frauen. Doch den Argumenten Queens sind sie nicht gewachsen und eine der beiden Frauen greift sich schließlich einen Eimer mit klarem Seewasser und verschwindet in der Toilette. Mit klarem Wasser sicher eine Arbeit für einen "Lebenslänglichen" meint Je-Je und Queen traut diesem Ansatz von Putzwut auch nicht und sucht lieber die nächsten Büsche auf, während wir den weiten Blick über den See genießen. |