0852_userid_237.jpg
Neu im Nigeria-Forum

Radio Palmwine

Oguta Lake II

   Die gegenüberliegende Seite des Sees sieht ziemlich kahlgeschoren aus, keine Bewaldung, keine Palmen, nichts. Ich packe meine zwei Angeln aus, während Queen mit Je-Je und den Kindern auf der anderen Seite des Restaurants in einer kleinen Bucht verschwindet. Auf die von den beiden Frauen gewünschte Vorbestellung eines Essens, haben alle nach dem Schreck mit der Toilette, großzügig verzichtet. Das Wasser des Sees ist glasklar und in drei bis vier Meter Tiefe sind viele Wasserpflanzen zu erkennen. Doch die erhofften Fische sind scheinbar über mein Auftauchen so erschrocken, dass ich keinen einzigen entdecken kann. Obwohl ich reichlich gekochten Reis in den See werfe um doch noch einige anzulocken, rührt sich nichts. Vielleicht sitzen die irgendwo unter den Wasserpflanzen und lachen sich über den blöden Onyeocha mit den zwei Bambusstangen krumm.

Nach einiger Zeit verliere ich die Lust mein Spiegelbild im Wasser immer wieder mit dem Haken zu bewerfen. Jedes mal lässt das Eintauchen der Pose durch die entstehenden kleinen Wellen mein Gesicht zu einer Fratze verschwimmen, die mich auszulachen scheint. Schnell packe ich die Angeln zusammen und schleiche etwas gekränkt über den Hügel. Ich hatte vorher noch im Auto über meine Angelkünste geprahlt, doch jetzt überlege ich krampfhaft wie ich mein Gesicht wahren könnte. Schnell reiße ich die Haken von den Schnüren. Als ich bei Queen und den Kindern ankomme, sitzen diese mit Je-Je bei dem von zu Hause mitgebrachten Jeloffreis und Hühnchen. Fragende Blicke erreichen mich und ich versuche schnell meine Geschichte loszuwerden. Zwei riesige Welse hätten angebissen und mich nach langem Kampf fast in den See gezogen. Ich hätte daraufhin lieber auf das Fangen verzichtet, zumal ja im Auto für zwei so große Fische sowieso kein Platz mehr vorhanden war. Dann seien aber auch die Schnüre gerissen, was ich ja auch belegen konnte. Alle schauen mich etwas ungläubig an und ich kann ein verschmitztes Grinsen kaum unterdrücken. In der kleinen Bucht ist ein bestimmter Bereich abgesteckt, in dem die Kinder mit ihren Armreifen paddeln können. Es wird jedoch schnell tief und ich muss Je-Je und Queen immer wieder warnen, da beide Nichtschwimmer sind.

Am frühen Nachmittag taucht plötzlich ein kleines uraltes Motorboot auf. Durch den Aufbau erscheint es schon wieder recht zünftig und so verhandelt Je-Je mit dem Bootsführer über den Preis für eine Fahrt in seine Vergangenheit. Er meint zwar, der Preis sei doppelt so hoch wie sonst, aber da sei ich als Onyeocha schuld. Nachdem wir unsere Sachen im Peugeot verstaut haben, besteigen wir das schaukelnde Boot. Je-Je verhilft den dösenden Frauen im Restaurant zu einem Wochengeschäft, indem er noch schnell einen Kasten mit Cola und Fanta ersteht. Der kleine Dingohund kläfft anerkennend hinter ihm her, als er mit dem Kasten auf der Schulter den Berg herunter läuft.

Der Kahn scheint uns vier Erwachsene und die drei Kinder gerade so zu schaffen, denn er liegt ziemlich tief im Wasser. Wir legen ab und der kleine Dieselmotor schiebt das Boot gemächlich über den See. Der Bootsführer hält das Boot an der linken Seite, nicht weit vom Ufer. Das Restaurant, der Golfplatz und die Hotelanlage verschwinden langsam aus unserem Blickfeld. Undurchdringlicher Wald schiebt sich immer näher an den See heran und ab und zu taucht ein schwerbeladener Einbaum auf, der mit Kassava- oder Jamwurzeln beladen ist. Ein freundliches Grüssen und Winken geht zwischen den Booten hin und her. Langsam erreichen wir eine Stelle des Sees, die immer enger wird; Regenwald an beiden Seiten lässt eine leichte Strömung unser Boot immer schneller werden. Wir befinden uns im Abfluss des Sees, denn vor uns taucht schon der Imo-River auf. An dieser Stelle mischen sich die glasklaren Wasser des Sees mit den lehmigen Fluten des Flusses. Die Vermählung ist ein wirbelnder schäumender Ringkampf, so als würden sich zwei Liebende nach langer Trennung in die Arme fallen, um dann den Weg im gemeinsamen Bett fortzusetzen. Unser kleines Boot hat auf jeden Fall alle Mühe diese Stelle zu passieren und nicht in den Armen der Liebenden zu versinken. Wir erreichen eine Stelle, an der Menschen Kassava, Jam, Gemüse und Früchte das Steilufer herunterschleppen, um die Sachen in Einbäume zu verladen. Unsere Fahrt geht jedoch weiter in den immer undurchdringlicher werdenden Regenwald. An manchen Stellen wird der Fluss breiter. Hier schwimmen zwischen Wasserpflanzen alte Baumstämme, die jedoch beim Näherkommen sehr lebendig werden und in den braunen Fluten abtauchen. Erst jetzt verstehe ich auch den Hinweis des Bootsführers, ja keine Hände oder Füße in das Wasser zu hängen.

Nach einer Flussbiegung bricht Je-Je in Begeisterungsstürme aus und  wenn er sein Jagdgewehr dabei gehabt hätte, wären bestimmt einige Salven in die Luft gefeuert worden. Auf einer Sandbank liegt ein versenktes Kanonenboot der nigerianischen Marine. Hier hatte er als junger Mann mit 15 Leuten und einfachsten Waffen das Militärboot im Biafra-Krieg gestellt und versenkt. Die Besatzung und die Hälfte seiner Leute waren dabei umgekommen. Er erzählte die Geschichte mit soviel Begeisterung als wäre dies vor drei Tagen passiert und nicht vor über 30 Jahren. Auf mich macht der Ort eher einen bedrückenden Eindruck. In meiner Phantasie höre ich die Schüsse, die Schreie der Verwundeten und der Sterbenden. Die Seelen der Getöteten scheinen uns aus dem Dickicht zu beobachten und ich bekomme trotz der Hitze eine leichte Gänsehaut. Unser Boot umkreist mehrmals das versenkte Kanonenboot und Je-Je kann sich nicht satt sehen. Die Krokodile, aufgeschreckt durch unseren Dieselmotor, verschwinden beleidigt in den braunen Fluten.

Auf der Rückfahrt bewundern wir noch eine Horde Affen die sich in den Uferbäumen fürchterlich über unsere Anwesenheit aufregt. Bei der Ankunft am Landungssteg erwartet uns eine Überraschung, denn hier steht eine weiße Frau mit zwei Mischlingskindern. Bei der Begrüßung stellt sich heraus, dass sie auch aus Deutschland ist. Sie ist mit einem bekannten Musiker aus Owerri verheiratet und zum Baden an den See gekommen. Die Fünf Kinder verstehen sich prächtig und wollen einfach nicht mehr aus dem Wasser, doch wir müssen langsam an den Heimweg denken, damit wir nicht in die Dunkelheit geraten.

An einem kleinen Flüsschen hinter Owerri liegt am Straßenrand eine aufgedunsene halbverkohlte Leiche, auf der zwei Geier herumhacken. Es ist gut, dass nur wir Männer vorne im Wagen dies sehen, während Queen und die Kinder hinten schlafen. Uns hat der Anblick den schönen Tag ziemlich verdorben, während Queen und die Kinder nach unserer Ankunft begeistert über ihre Abenteuer berichten.


© 2004-2007 by Ogo Onyeocha - Team: Anna & Chief | "Die brennende Palme" Release 2.8.1 Beta