Mein Schwiegervater hatte mir schon vor Jahren, als ich ihn durch Queen nach alten Geschichten aus dem Igbo-Land befragte, eine ganz besonders schöne erzählt. Dieser alte fast 80 jährige Mann, der nie eine Schule besucht hatte, aber im Dorf hoch geachtet ist, saß mit uns auf der Zisterne, die doppelläufige Schrotflinte neben sich und begann zu erzählen. Wir hatten uns Matten auf den Boden ausgebreitet, lagen auf dem Rücken und schauten in den Nachthimmel. Ein kurzer Regen am Nachmittag hatte die Luft gereinigt und am Himmel prangten Milliarden von Sternen, die wie Tautropfen funkelten und ab und zu löste sich einer und fiel als Sternschnuppe zur Erde. Als mein Schwiegervater die erste Sternschnuppe entdeckte, räusperte er sich ehrfurchtsvoll und meinte "ein Geist sucht eine neue Heimat". Als ich nachfragte, was dies bedeuten soll, klärte er uns auf. Immer wenn ein guter Mensch stirbt, darf er als neuer Stern am Himmel leuchten und wenn auf der Erde ein guter Mensch zur Welt kommt, darf einer dieser Wartenden als Sternschnuppe zu diesem Neugeborenen fallen. So schließt sich der Kreis von dem goldenen Sternenstaub aus dem wir alle abstammen. Doch diese Geschichte wollte ich euch eigentlich gar nicht erzählen, er wischte mit der Hand durch die Dunkelheit, griff nach seiner Flinte und gab schnell zwei Schüsse in die Luft ab, um eventuelle Diebe abzuschrecken. Anschließend fuhr er fort: "Ihr kennt doch unseren Ortsteil Amudi?" Eigentlich heißt es richtig Ama-udi (Die Strasse der Udi-Früchte). Nur dort wachsen diese Bäume, deren Früchte hervorragend schmecken und die Leute in Amudi werden sehr alt. Doch es hängt nicht mit diesen Früchten zusammen wie viele Menschen meinen. Es gibt dort vielmehr eine versteckte Quelle, deren Wasser schon seit uralten Zeiten dieses kleine Wunder vollbringt. Nur die älteste Tochter jeder Familie aus Ama-udi erfährt den Platz der Quelle und nur sie darf das Wasser dort für die Familie holen. Diese Frauen müssen beim Wort der "Ahnen" versprechen, dieses Geheimnis nicht an Ungefugte weiterzugeben. Als wir nun unsere Gospelfreunde aus Bremen zu Besuch im Dorf hatten und ich bei einem abendlichen Gespräch diese Geschichte erwähnte, waren sie voller Begeisterung und wollten sofort nach Ama-udi. Wir nahmen am nächsten Morgen unsere Rucksäcke mit Wasserflaschen, frisch gerösteten Erdnüssen und Bananen und machten uns zeitig auf den Weg, um nicht schon beim Hinmarsch in die große Hitze zu kommen. Stetig ging es bergab und wir kamen eigentlich ziemlich rasch voran, wenn nicht Queen immer wieder durch alte Bekannte aufgehalten wurde, die sie freudig begrüßten und natürlich wissen wollten, wo sie mit den drei "Ndiocha", den Weißen hinwollte. Da wir nicht direkt nach dieser sagenhaften Quelle fragen wollten, bewegten wir uns immer näher an den Imo River heran. Überall winkten uns freundliche Menschen aus den Feldern, die dort ihrer Arbeit nachgingen. An Wegabzweigungen fragten wir vorsichtshalber nach dem Weg zum Imo River und langsam ließen wir Ama-udi hinter uns und der Wald wurde immer dichter.
Riesige Bambusbüsche reckten ihre armdicken Stangen in den Himmel und die dazwischen stehenden Urwaldwiesen hatten schützend ihr Laubdach über sie ausgebreitet. Durch unser Gespräch hatten wir einige Nashornvögel aufgescheucht, die mit Geschrei auf weiter entfernt stehende Bäume flogen. Schwerfällig, den riesigen Schnabel etwas nach unten hängend so als würden sie jeden Moment wegen seiner Schwere vom Himmel fallen. Ich versuchte ihren Schrei nachzuahmen und einige blieben erstaunt auf dem nächsten Baum sitzen und beäugten uns neugierig. Langsam kam scheinbar der Fluss näher, denn sumpfige Stellen tauchten auf und ein undefinierbarer Blütenduft lag in der Luft. Einige Lkw kamen uns schwerbeladen mit Flusssand entgegen und die auf dem Sand sitzenden Arbeiter riefen uns erstaunt etwas zu, das wir aber wegen der lauten Geräusche des Motors nicht verstanden. Winkend gingen wir weiter. Als wir um eine Wegbiegung kamen, lag der Imo River endlich vor uns. Überall waren riesige Haufen Sand aufgeschichtet, den Frauen und Männer vom Flussufer in großen Blechschüsseln die steile Böschung hoch schleppten. Boote lagen im Fluss an großen Baumriesen verankert, die in der Regenzeit der Fluss mitgebracht hatte. Junge Männer tauchten mit den Schüsseln immer wieder zum Flussgrund. Die Schüsseln, die wie die der Goldwäscher aussehen, tauchen immer wieder gefüllt mit goldgelbem Sand aus den Fluten auf und die Boote liegen immer tiefer im Wasser. Nachdem fast das Wasser in die Boote schwappt, werden sie mit langen Bambusstangen zum Ufer geschoben und dort entladen. Aber nicht nur auf dem Fluss sondern im gesamten Uferbereich wird das "Gold" des Imo abgebaut. Riesige Löcher entstehen so in denen gleichfalls junge Männer nach dem Sand suchen. Hier sieht man verschiedene Farben in den Ablagerungen. Ein Arbeiter erklärt uns, dass der ganz feine Sand zum Verputzen, der gröbere zur Hohlblockbildung und der ganz raue zum Zementieren verwendet wird. Frauen haben für die Arbeiter eine kleine Garküche eingerichtet in der sie "Moi Moi", gekochte Eier, Bananen, Erdnüsse, gegrilltes Hühnerfleisch und Maiskolben anbieten. Zu trinken gibt es frischen Palmwein, Quellwasser und selbst Cola und Fanta ist vorhanden. Wir staunen über das reichhaltige Angebot, setzen uns zu den Arbeitern in die kleine Bambuskneipe und kommen mit ihnen ins Gespräch. Wir erfahren, dass sie für diese schwere Arbeit nur etwa vier Euro am Tag bekommen und dass es für sie die einzige Verdienstmöglichkeit ist, um ihre Familien zu ernähren. Am Schluss erkundigen wir uns ganz vorsichtig nach einer Quelle in diesem Gebiet. Doch keiner weiß etwas oder will es uns sagen. Hier soll es zwar eine geben, aber wo? Lachend und scherzend verabschieden sich alle von uns und wir machen uns langsam auf den Heimweg. Diesmal folgen wir einem schmalen Pfad im Uferbereich. Plötzlich stoßen wir auf ein winziges Flüsschen mit glasklarem Wasser. Führt dieser winzige Wasserlauf etwa zu der Quelle die wir suchen? Wir können dem Verlauf des Wassers jedoch nicht folgen, da dichtes Urwaldgestrüpp den Lauf umgibt und wir Angst vor Schlangen und Verletzungen haben. So folgen wir weiter dem Pfad und stehen plötzlich völlig überraschend auf dem gleichen Weg, den wir zum Imo benutzt haben. Enttäuscht gehen wir weiter. Plötzlich kommt eine junge Frau aus einem Kassavafeld mit einer großen Schüssel Wasser auf dem Kopf. Wir grüßen und fragen, ob sie das Wasser an einer Quelle geholt hat. Sie zeigt mit einer ausschweifenden Handbewegung in die Richtung aus der sie gekommen ist und geht schnell mit der schweren Schüssel weiter. Wir folgen ihren Spuren im Kassavafeld und stoßen dahinter auf einen unübersichtlichen Pfad der sich nach mehreren Richtungen teilt. Wir entschließen uns wieder Richtung Fluss zu gehen. Nach 15 Minuten kommen wir auf einen etwas breiteren Pfad der Richtung Fluss stark abfällt. Nach einer Biegung liegt etwa fünfzig Meter vor uns ein kleines glasklares Becken in dem drei junge Frauen in farbigen Gewändern knietief im Wasser stehen. Sie füllen das Wasser in große Schüsseln und Plastikeimer. Die Sonne dringt aus Richtung Pfad bis zum Wasser vor. Durch die hier stehenden Urwaldriesen ist es trotzdem angenehm kühl. Der Duft von exotischen Blüten und das Summen von wilden Bienen liegt in der Luft. Handtellergroße Schmetterlinge schwanken nektartrunken von Blüte zu Blüte. Wir legen unsere Schuhe ab und gesellen uns zu den überraschten Frauen im Wasser. Das Wasser ist kalt, glasklar und nur kleine gestreifte Fische huschen durch das Nass. An der einen Seite des Beckens steht ein bestimmt mehrere hundert Jahre alter Urwaldriese, dessen Wurzeln aus dem Wasser aufsteigend bis in eine Höhe von drei Metern mit riesigem Farn bewachsen sind. Zwischen diesem Farn und den Wurzeln des Baumes strömt das köstliche Wasser in das Becken. Wir sind alle so begeistert von diesem paradiesischem Platz, dass wir uns einfach nicht satt sehen können. Die Frauen haben inzwischen Farnblätter auf ihr Wasser gelegt, es hält das Wasser frisch, gibt ihm einen guten Geschmack und verhindert beim Gehen das Überschwappen, und machen sich Richtung Ama-udi auf den Weg. Wir können uns nicht losreißen von diesem traumhaften Fleckchen, doch die Mittagszeit naht und wir machen uns auf den heißen Heimweg. Es geht steil bergauf und die Frauen mit dem schweren Wasser haben eine unglaubliche Leistung vollbracht. Als wir etwas flacheres Gelände erreichen, sind wir fix und fertig, auch ohne einen großen Wassertopf auf dem Kopf. Wir bleiben öfters zwischen den Palmen stehen, um zu verschnaufen. In der Ferne ist schöner Frauengesang zu hören. Unsere zwei Musiker aus Bremen prägen am Schluss ihres Aufenthaltes in unserem Dorf das wunderschöne Bekenntnis "Dort, wo die Lieder auf den Bäumen wachsen" und wir vier waren alle der Meinung, dass wir die Quelle des Alters gefunden hatten. Keiner hat es uns verraten, doch auch Queens Mutter stammt aus Ama-udi und ist die älteste Tochter der Familie. Oft hat sie Wasser in Ama-udi geholt und meine Schwiegereltern sind inzwischen beide fast 80 Jahre alt. P.S. Die Lebenserwartung in Nigeria liegt bei etwa 52 Jahren. |