Die zwei Anführer durchsuchten inzwischen das Haus des Doktors nach Wertsachen und Bargeld. Ben, der sich ja als Doktor ausgab, bekam ein paar mal den Kolben einer Schnellfeuerwaffe ins Kreuz geschlagen, weil er nicht schnell genug die Türen aufmachen konnte oder gar behauptete, keinen Schlüssel zu haben, was ja auch stimmte. Die Türen wurden also mit Gewalt eingetreten und alle Schränke, Betten, Koffer und Kartons durchwühlt. Ein abgeschlossener Besteckkoffer, den ein Bruder aus Deutschland für sich nach Hause geschickt hatte, wurde aufgeschossen, da kein Schlüssel vorhanden war. Als sie die Bestecke entdecken, können sie es kaum fassen, "anstatt ihr Geld im Koffer zu verstecken, haben sie ihre Messer und Gabeln versteckt", lacht sich einer krank. Einer der Räuber fasst in einen Karton und genau in neue OP-Messer des Doktors, die er dort gelagert hatte. Später sind im gesamten Haus deftige Blutspuren vorhanden und Ben meinte der Räuber hätte sich die Hand total aufgeschnitten. Die beiden Anführer finden im Haus etwas Bargeld des Doktors und die Jahrgangskasse eines anderen Bruders die er dort aufbewahrt hatte. Ich liege die ganze Zeit auf dem Bauch unter dem Bambusbett und versuche die Geräusche zu deuten. Außerdem atme ich ganz flach, damit ich nicht womöglich den roten Staub in die Nase bekomme und niesen muss. Außerdem fällt mir siedend heiß ein, dass in dem kleinen Häuschen, in dem wir wohnen, eine Petroleumlampe brennt und die sicher bei der Dunkelheit deutlich zu sehen ist. Die Anführer treiben Ben vor sich her zu dem kleinen Office in der Krankenstation. Da Ben ja keine Schlüssel besitzt, wird die Tür auch mit Gewalt aufgebrochen. Die Räuber finden hier auch cirka 30.000 Naira, die der Doktor ausgerechnet an diesem Tage für zwei länger zurückliegende Operationen von Patienten erhalten hatte. Aus meinem Blickwinkel unter dem Bett sehe ich plötzlich, dass die Beine des einen Bruders verschwunden sind. Später erfahren wir, dass er einen günstigen Moment abgepasst hatte um sich aus dem Staub zu machen. Er war weiter hinten im Hof über die Außenmauer geklettert und zu der etwa einen Kilometer entfernten Polizeistation gelaufen. Die drei Räuber, die im Elternhaus verschwunden waren, kommen heraus und einer leuchtet mit der Taschenlampe auf meine Queen, die neben meinem Bambusbett auf dem Boden liegt. "look Doctors wife" meint der eine und die Taschenlampe scheint mir direkt ins Gesicht zu strahlen. Ich verfluche nochmals meine weißen Hosen, meine weiße Haut und die brennende Petroleumlampe in unserem Häuschen, denn dort werden sie sicher gleich weiter machen. Doch die Burschen scheinen die Petroleumlampe nicht wahrzunehmen und versammeln sich zum Abmarsch. Mit der deutlichen Warnung, in den nächsten 10 Minuten ja nicht die Nasen aus dem Tor zu stecken, verlassen sie den Hof. Auf der Hauptstrasse springen nach wenigen Augenblicken zwei Autos an und entfernen sich Richtung Markt. Wir versuchen erst einmal festzustellen, ob alle am Leben sind, als der verschwundene Bruder mit zwei Polizisten, bewaffnet mit einer uralten Schnellfeuerwaffe, zum Tor hereingestürzt kommt. Er hatte atemlos die auf der Wache dösenden Polizisten wachgetrommelt und bis er ihnen die Lage erklärt hatte, war wertvolle Zeit verstrichen. Die Gendarmen hatten es auch gar nicht so eilig, denn für die ganze Station war ja nur die eine Waffe und ein Magazin da und wer sollte sich als Erster in die Schusslinie begeben? Jetzt standen die Helden großspurig mit der einen Waffe fuchtelnd im Hof, doch die Räuber waren ja Gott sei Dank über alle Berge. Langsam füllte sich nun auch der Hof mit den Nachbarn, die ihr Mitgefühl aussprachen, aber auch ganz genau wissen wollten wie alles abgelaufen war. In den nächsten Tagen kam das halbe Dorf um uns zu bemitleiden. Es kam mir vor, als wenn wir alle schon gestorben wären und die Leute wollten ihr Beileid zu dem tragischen Ereignis ausdrücken. Wir erfuhren in den nächsten Tagen auch noch mehr Einzelheiten zu der Bande und dem Tag des Überfalls. Die jungen Burschen waren scheinbar mit Buschtaxis in einen der Nachbarorte angereist und hatten dort einen großen Fuhrunternehmer überfallen. Da in Nigeria die meisten Geschäfte mit Bargeld abgewickelt werden, musste ja bei den vielen Lkw auch viel Geld im Haus sein. Die gleiche Bande hatte den Fuhrunternehmer schon mehrmals überfallen. Beim ersten Überfall hatten sie angeblich mehrere Millionen Naira erbeutet. Beim zweiten Überfall hatte der Fuhrunternehmer schon auf die Bande gewartet und zwei von den Burschen erschossen. Jetzt beim dritten Überfall wurde er beim Abendessen überrascht und von mehreren Schüssen niedergestreckt. Sie wollten ihn unbedingt töten, da er ja zwei von ihnen erwischt hatte. Sie ließen ihn in einer großen Blutlache liegen, da sie ihn für tot hielten und machten sich mit viel Geld und den zwei Pkw des Unternehmers auf den Weg zu unserer kleinen Krankenstation. Der Fuhrunternehmer wurde schwerverletzt von Nachbarn gefunden und von einem nahewohnenden Arzt versorgt. Dann konnte man ihn in die 40 km entfernte Universitätsklinik in Owerri bringen. Es wurde jedoch überall erzählt, er sei nach dem 200 km entfernten Enugu gebracht worden, um ihn nicht eines neuen Angriffs auszusetzen. Zwei der Räuber erwischte die Polizei noch in der gleichen Nacht bei einer Routinekontrolle auf der Strasse nach Aba. Da sie nicht sofort reagierten wurden sie von der Polizei erschossen. In dem Fahrzeug fand man einen Teil des Geldes und Waffen. Mehrere Tage später wurde einer der Gangster in Umuahia mit dem gestohlenen Mercedes des Fuhrunternehmers gestellt. Als er eine Waffe ziehen wollte, wurde auch er von der Polizei erschossen. Der Kofferraum des Mercedes war voller Waffen und Munition. Leider hat man drei oder vier der an den Überfällen beteiligten Burschen nicht gefasst. Unser alter Papa hatte auch gleich einen jungen Burschen aus der Nachbarschaft im Verdacht als Helfershelfer für die Bande fungiert zu haben. Ab diesem Tage war er spurlos verschwunden und ist auch später nicht wieder aufgetaucht. Im nachhinein waren wir alle froh, nur etwas Geld verloren zu haben, doch meine weiße kurze Jeans liegt seit diesem Tag in der hintersten Ecke des Kleiderschranks. Ich habe sie nie wieder angezogen, obwohl sie doch eigentlich gar nichts dafür konnte. |